Понедельник, 05.12.2016, 01:21
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Der junge König
Oscar Wilde

Es war die Nacht vor dem Tage seiner Krönung, und der junge König weilte einsam in seinem wunderherrlichen Gemach. Seine Höflinge waren von ihm gegangen, dem formelreichen Tagesanbruch gemäß die Häupter bis zur Erde neigend. Sie alle hatten die große Halle des Königsschlosses aufgesucht, um daselbst noch letzte Unterweisungen vom Hofsittenmeister zu empfangen. Waren ihrer doch welche, die sich nach wie vor ganz ungeschraubt bewegten! Und dies bei einem Höfling ein gar arg Vergehen ist, bedarf wohl keiner Worte.

Der Knabe - denn er war ein Knabe nur mit seinen fünfzehn Jahren - war nicht betrübt, sie gegangen. Er hatte sich mit einem leisen Seufzer der Erleichterung zurückgeworfen auf die weichen, gestickten Kissen seines Lagers

und ruhte da, flaumäugig, die Lippen hauchgeöffnet gleich einem braunen Waldlandsfaun oder irgendwelch jungem Tier der Wildnis, das die Jäger just gefangen.

Die Jäger waren es ja auch gewesen, die ihn gefunden, ihn - schier durch Zufall - aufgetrieben hatten, als er nacktfüßig, die Flöte in der Hand, hinter der Herde des armen Ziegenhirten herging, der ihn aufgezogen, und dessen Sohn zu sein er stets gewähnt. Des alten Königs einziger Tochter Kind, gezeugt in geheimem Ehebund mit einem, der tief unter ihr ihm Range stand: einem Fremden, sagten manche, der durch den wunderbaren Zauber seines Lautenspiels die Liebe der jungen Fürstin zwang, während andere von einem Künstler aus Rimini sprachen, dem die Prinzessin viel, vielleicht zu viele Ehr' erwiesen, und der plötzlich aus der Stadt verschwunden war, sein Werk im Dome unvollendet lassend - hatte man ihn, als er nur eben eine Woche alt, von der Seite seiner Mutter weggestohlen, da sie schlief, und ihn zur Obhut einem gemeinen Bauer und dessen Weibe übergeben, die ohne leibliche Kinder waren und in einem entlegenen Teil des Waldes lebten, mehr denn einen Tagritt von der Stadt entfernt.

Gram oder, wie der Hofarzt feststellte, die Pest, oder wie manche rieten, ein schnelles italienisches Gift, in einem Becher gewürzten Weines dargereicht, mordete noch in der Stunde des Erwachens das bleiche Mädchen, das ihn gebar. Und als der treue Bote, der das Kind auf seinem Sattelbogen dahin trug, von seinem müden Rosse stieg und an die grobe Pforte der Hirtenhütte pochte, wurde der Prinzessin Leib in ein offenes Grab gesenkt, das man auf einem öden Kirchhof außerhalb des Stadttores gegraben hatte. Ein Grab, worin, so sprach man, schon ein andrer Leichnam lag: der eines jungen Mannes von wunderbarer, fremdartiger Schöne, dessen Hände mit einem knotigen Seile auf den Rücken gebunden und dem die Brust von vielen roten Wunden wund.

So wenigstens lautete die Geschichte, die das Volk einander flüsternd anvertraute. Sicher war es, der alte König, da er auf dem Sterbebett lag, sei's, ihn seine große Sünde reute oder auch nur, weil er nicht wollte, dass

das Königreich an einen falle, der nicht seines Stammes war, um den Knaben gesandt hatte und ihn im Angesicht des Rates seinen Erben nannte.

Und es scheint, sich in jenem vom ersten Augenblicke seiner Anerkennung an die seltsame Schönheitstrunkenheit offenbarte, die späterhin so großen Einfluß auf sein Leben übte. Sie, die ihn durch die Flucht der Gemächer geleiteten, die man für ihn bereit gesetzt, sprachen oft von dem Schrei der Lust, der über seine Lippen brach, da er des kostbaren Geschmeides und der reichen Gewänder ansichtig ward, die er hinfür tragen sollte, und von der schier wilden Freude, mit der er sein rauhes Lederwams und seinen groben Schafwollmantel von sich schleuderte. Manchmal freilich mißte er die goldene Waldesfreiheit und war stets geneigt, ob der mühseligen Förmlichkeiten zu schelten, die bei Hof einen so großen Teil des Tages in Anspruch nahmen. Der herrliche Palast jedoch - Joyeuse nannte man ihn - dessen Herr er nun war, schien ihm gleich einer eigens seiner Wonne erschaffenen Welt. Und wann immer er einer Ratsverhandlung oder dem Audienzsaale entfliehen konnte, flüchtete er im Lauf die breite Treppe mit ihren Löwen aus güldenem Erze und ihren Stufen aus hellem Porphyr hinab und schritt von Raum zu Raum, von Gang zu Gang, wie einer, der in Schönheit Linderung für Schmerz, Genesung aus Krankheit sucht.

Auf diesen Entdeckungsreisen, wie er sie gerne nannte - und es waren für ihn tatsächlich Reisen durch ein Wunderland -, begleiteten ihn oft die schmalhüftigen, blondhaarigen Pagen des Hofes in ihren weiten Mänteln mit dem lustig flatternden Bänderschmucke. Noch öfter aber blieb er allein. Doch blitzartiger Instinkt, einer Eingebung vergleichbar, verriet ihm, die Geheimnisse der Kunst sich am besten insgeheim erlernen und dass die Schönheit, sowie ja die Weisheit auch, ihre Knechte einsam will.

Gar manche seltsame Geschichte ging um diese Zeit von Mund zu Mund. Man erzählte, wie ein behäbiger Bürgermeister, gekommen eine höchst geschmückte und gezierte Anrede im Namen der Bürger der Stadt zu halten, ihn tief in Anbetung versunken auf den Knien vor einem großen Bild gefunden hatte, das soeben aus Venedig angelangt und neuer Götter Dienste zu künden schien. Bei anderer Gelegenheit hatte man ihn während vieler Stunden vermißt und ihn erst nach langer Suche in einem kleinen Gemach in einem der nördlichen Türme des Schlosses entdeckt, wie er gleich einem, den Verzückung hält, auf eine griechische Gemme starrte, worein die Gestalt des Adonis geschnitten war. Man hatte gesehen, dies wußte das Gerücht, wie er die heißen Lippen auf die Marmorschläfe einer alten Statue drückte, die man im Strombette gelegentlich des Baues der steinernen Brücke ausgegraben hatte, und die als Inschrift den Namen des bythinischen Sklaven des Hadrian trug. Und er hatte eine lange Nacht damit verbracht, die Wirkung des Mondlichtes auf ein Silberbildnis des Endymion zu belauschen.

Alles, was da seltsam und kostbar war, übte gar großen Zauber auf ihn aus, und im Eifer, sich den Besitz zu sichern, hatte er der Kaufleute viele ausgesandt; einige, um mit dem rauen Fischervolk der Nordmeere um Bernstein zu

feilschen; einige nach Ägypten, auf Suche nach jenen grünen Wundertürkisen, die man nur in Königsgräbern findet, und die Zauberkraft besitzen sollen; wieder andere nach Persien, um seidene Teppiche zu erstehen und bemaltes Tongeschirr; und ihrer manche nach Indien, um Schleiergewebe zu kaufen und getöntes Elfenbein, Mondstein und Armgeschmeide aus Nephrit, Sandelholz und blaues Email und Tücher feiner Wolle.

Was ihn jedoch am meisten beschäftigte, war sein Krongewand, das goldgewobene Gewand und die rubinbesetzte Krone und das Zepter mit seinen Perlenreihen und -reifen. An diese dachte er auch jetzt zur Nacht, als er zurückgelehnt auf seinem reichen Lager ruhte und dem großen Tannenscheite zusah, wie es sich im offenen Feuer des Herdes selbst verzehrte. Zeichnungen, welche die Hände der berühmtesten Künstler der Zeit dafür entworfen hatten, waren ihm vor schon vielen Monden vorgelegt worden, und er hatte Befehl erteilt, der Handwerker Schar Tag und Nacht an ihrer Ausführung schaffen, und man die ganze Welt durchsuchen solle nach Juwelen, die ihrer Arbeit würdig wären. Er sah sich im Geiste bereits im strahlenden Krongewand vor dem Hochaltar im Dome stehen. Und ein Lächeln spielte um seinen jungen Knabenmund, verweilte und zündete helle Flammen in seinen dunklen Waldlandsaugen.

Nach einiger Zeit erhob er sich und stand dann gegen die geschnitzte Blendung des Kamins gelehnt und blickte in dem matt erleuchteten Gemach umher. Die Wände waren mit reichen Stickereien bekleidet, die den Triumph der Schönheit darstellten. Die eine Ecke füllte ein hoher Schrank aus, der mit Achat und Lapislazuli verziert war, und dem Fenster gegenüber stand ein eigentümlich gearbeitetes Kästchen mit lackierten Holzflügeln, goldbestäubt und goldgeschmückt, darauf dünnglasige Venezianer Schalen und ein Becher aus dunkel geädertem Onyx ruhten.

Blasse Mohnblüten waren von geschickten Nadeln auf die Seidendecke des Bettes hingeworfen, als wären sie den müden Händen des Schlafes entfallen, und hohe Stäbe gefurchten Elfenbeins hoben den samtenen Baldachin, auf dem gleich weißem Schaume große Büschel Straußenfedern ragten, zu den bleichen Silberreliefs der Decke empor. Ein lachender Narziß aus grüner Bronze hielt einen geschliffenen Spiegel hoch. Auf dem Tisch stand eine flache Schüssel aus Amethyst.

Draußen vor dem Fenster konnte er die Riesenkuppel des Domes sehen, die wie ein dunkel Gestirn über den schattenumhüllten Häusern stand, und die müden Wachen, die auf der nebelumhüllten Terrasse am Strome auf und nieder schritten. Fern in einem Garten schlug eine Nachtigall. Leiser Jasmingeruch drang durch das offene Fenster. Er strich die braunen Locken aus der Stirn. Dann griff er zur Laute und ließ die Finger über die Saiten gleiten. Seine schweren Lider senkten sich und seltsame Müdigkeit kam über ihn. Nie zuvor hatte er so mit allen Fibern, nie noch so voll tiefer Freude den Zauber und das Geheimnis der Schönheit empfunden.

Als die Mitternacht vom Turme schlug, berührte er eine Glocke und seine Pagen traten ein und entkleideten ihm mit vieler Förmlichkeit, gossen Rosenwasser über seine Hände und streuten Blumen über die Kissen hin. Wenige Augenblicke darauf hatten sie das Gemach verlassen und er schlief.

 

 

Und wie er so schlief, träumte er einen Traum. Und dies war sein Traum:

Es war ihm, als stünde er in einem langen niedrigen Dachzimmer inmitten schwirrender, klappernder Webstühle. Das kümmerliche Tageslicht kroch durch das vergitterte Fenster und wies ihm die hageren Gestalten der Weber, die sich über ihre Rahmen beugten. Blasse, kränklich blickende Kinder kauerten auf den schweren Balken. Wenn die Webschiffchen durch den Einschlag schossen, hoben sie das Richtscheit auf; und setzten die Schiffchen aus, ließen sie das Richtscheit fallen und preßten die Fäden aneinander. Ihre Gesichter waren hungerverzerrt und ihre dünnen Arme und Hände schlotterten. An einem Tische saßen abgemagerte Weiber und säumten. Ein furchtbarer Geruch erfüllte den Raum. Die Luft war schwer und fäulnisschwanger und von den wänden tropfte und rann es naß.

Der junge König trat zu einem der Weber, stellte sich neben ihn und sah ihm zu,

und der Weber blickte ihn gehässig an und sprach: "Was siehst du mir so zu? Bist du ein Auskundschafter, den unser Herr über uns gesetzt?"

"Wer ist dein Herr?" frug der junge König. "Unser Herr?" rief der Weber bitter. "Er ist ein Mensch wie ich. Wahrlich, ein kleiner Unterschied nur ist zwischen ihm und mir: Er trägt schöne Kleider, während ich in Lumpen gehe, und er leidet nicht wenig durch Völlerei, während ich hungerschwach bin."

"Das Land ist frei," sprach der junge König, "und du bist keines Menschen Knecht."

"Im Kriege", erwiderte der Weber, "macht sich der Starke den Schwachen zum Knecht, und im Frieden macht der Reiche den Armen zum Knecht. Wir müssen arbeiten, um zu leben. Sie aber geben Schandlohn uns, so daß wir sterben. Wir frönen für sie von früh bis spät und sie häufen Gold in ihre Truhen. Unsere Kinder aber welken vor der Zeit dahin. Und die Gesichter derer, die wir lieben, werden hart und bösartig. Unsere Füße keltern die Trauben und ein anderer schlürft den Wein. Wir säen das Korn, aber unsere Speicher bleiben leer. Wir tragen Ketten, wenngleich kein Auge sie sieht, und sind Knechte, wenngleich man uns Freie heißt."

"Ist dem wirklich so?" frug jener.

"Dem ist wirklich so", erwiderte der Webe.

"Bei den Jungen so und bei den Alten; bei den Frauen und bei den Männern; bei den kleinen Kindern wie bei jenen, die das Alter lahm macht. Die Kaufleute zermalmen uns und wir vermögen nichts dawider; wir müssen tun, was sie uns

schaffen. Der Priester reitet vorüber und betet seinen Rosenkranz. Für uns aber sorgt kein Sterblicher. Durch unsere sonnenlosen Gassen schleppt sich die Armut mit stieren Hungeraugen und die Sünde mit verquollenem Angesicht folgt ihr auf dem Fuße. Frühmorgens weckt uns das Elend auf und nachts sitzt die Schande an unserem Bett. Doch was soll dir all dies? Du bist keiner von den Unsern. Aus deinem Angesicht strahlt zu viel Glück." Und mürrisch wandte er sich ab und warf das Schiffchen durch den Webstuhl und der junge König sah, dass es mit einem Goldfaden gefädelt war. Und ihn befiel tiefes Entsetzen und er sprach zum Weber: "Welch Gewand webest du da?"

"Das Krongewand des jungen Königs," erwiderte jener. "Doch was soll das dir?"

Und der junge König stieß einen lauten Schrei aus und erwachte und siehe! Er war in seinem eigenen Gemach und durch das offene Fenster sah er den großen Mond honigfarben in den Lüften hängen.

*

Und wieder fiel er in Schlaf und träumte, und dies war sein Traum:

Ihm war, als läge er auf Deck einer großen Galeere. Vielhundert Sklaven ruderten. Auf einem Teppich, ihm zur Seite, saß der Besitzer der Galeere. Er war schwarz anzusehen wie Ebenholz, und sein Turban war aus schreiendroter Seide. Breite Silberringe zogen seine dicken Ohrlappen nieder und in Händen hielt er zwei elfenbeinerne Wagschalen.

Die Sklaven waren nackt bis auf einen zerlumpten Lendenschurz und jeder Mann war an seinen Nachbar angekettet. Heiße Sonnengluten brannten auf sie nieder und die Neger liefen den Fallreep auf und ab und peitschten sie mit schneidend harten Riemen. Sie strecken die mageren Arme und zogen die schweren Ruder durch die Wassermassen, daß der salzige Gicht aufspritzte.

Endlich erreichten sie eine kleine Bucht und fingen an zu loten. Ein leichter Wind wehte vom Land und hüllte Deck und Rahsegel in eine Wolke feinen, roten Staubes. Drei Araber kamen auf wilden Mauleseln geritten und schleuderten Speere nach ihnen. Der Besitzer der Galeere griff nach einem bunten Bogen und schoß einen von ihnen durch die Kehle. Schwer stürzte der vornüber in die Brandung und seine Gefährten sprengten davon. Ein in gelbe Schleier gehülltes Weib folgte langsam auf Kamelrücken und blickte von Zeit zu Zeit nach dem Leichnam zurück.

Sobald sie Anker geworfen und das Segel eingezogen hatten, stiegen die Neger in den Kielraum und holten eine lange Strickleiter herauf, die mit Bleigewichten stark beschwert war. Der Besitzer der Galeere warf sie über Bord und festete die beiden Enden an zwei eisernen Haken. Dann ergriffen die Neger den Jüngsten der Sklaven. Sie schlugen seine Fesseln entzwei, füllten ihm Nasenlöcher und Ohren mit Wachs und banden einen großen Stein um seine Hüften. Müde kroch er die Leiter hinab und verschwand im Meere. Einzelne Luftblasen stiegen da, wo er versunken, auf. Etliche der anderen Sklaven spähten neugierig über Bord. Vorne, am Bug der Galeere, saß ein Haifischbeschwörer und rührte eintönig die Trommel.

Nach einiger Zeit stieg der Taucher aus den Tiefen auf und klammerte sich keuchend an die Leiter; seine Rechte hielt eine Perle. Die Neger entrissen sie ihm und schleuderten ihn ins Meer zurück. Die Sklaven schliefen über ihren Rudern ein.

Wieder und wieder tauchte er auf. Und so oft er sich zeigte, brachte er eine schöne Perle. Der Besitzer der Galeere wog sie und steckte sie in einen kleinen grünen Ledersack.

Der junge König versuchte zu sprechen, aber die Zunge klebte ihm am Gaumen und seine Lippen versagten den Dienst. Die Neger schwatzten miteinander und fingen an sich um eine Schnur leuchtender Perlen zu streiten. Zwei Kraniche umkreisten unablässig das Schiff.

Ein letztes Mal kam der Taucher herauf und die Perle, die er brachte, war schöner anzusehen, als die Perlen des Ormuz. Denn sie war an Form dem Vollmond gleich und bleicher und weißer als der Morgenstern. Ein Zittern rann noch durch seine Glieder und dann lag er still. Die Neger zuckten die Schultern und warfen den Körper über Bord.

Und der Besitzer der Galeere lachte, streckte die Hand nach der Perle aus und da er sie sah, drückte er sie an seine Stirn und neigte sich tief. "Sie soll", sprach er, "für das Zepter des jungen Königs sein", und er gab den Negern ein Zeichen, die Anker aufzuziehen.

Und da der junge König dies vernahm, stieß er einen lauten Schrei aus und erwachte und durch das Fenster sah er die langen grauen Finger der Dämmerung nach den erbleichenden Sternen greifen.

*

Und wieder fiel er in Schlaf und träumte, und dies war sein Traum:

Ihm war, als wanderte er durch einen düsteren Wald, worin seltsame Früchte wuchsen und schöne, giftige Blumen. Die Nattern züngelten nach ihm, da er vorüberging, und die bunten Papageien flogen kreischend von Zweig zu Zweig.

Riesenschildkröten schliefen im heißen Schlamme und die Bäume waren mit Affen und Pfauen überdeckt.

Weiter und weiter ging er, bis der den Waldsaum erreichte. Dort ward er einer ungeheuren Menschenmenge gewahr, die im Bette eines vertrockneten Stromes Frondienst tat. Wie Ameisen schwirrten sie um die Felsblöcke herum. Sie gruben tiefe Gruben in den Boden und stiegen hinab. Einige von ihnen klüfteten die Felsmassen mit großen Äxten, andere wühlten im Sande. Sie rissen den Kaktus mit der Wurzel aus und zertraten die Scharlachblüten. Sie eilten hin und wieder, schrien sich zu und keiner ging müßig.

Aus dem Dunkel einer Höhle spähten Tod und Habsucht nach ihnen und der Tod sprach: "Ich bin müde. Gib mir ein Drittel von ihnen, so will ich meines Weges ziehen."

Die Habsucht aber schüttelte das Haupt. "Es sind meine Knechte", entgegnete sie. Und der Tod sprach zu ihr: "Was hältst du da in Händen?"

"Drei Getreidekörner halte ich da in Händen," entgegnete sie, "was soll das dir?"

"Gib mir eines davon!" rief der Tod. "Ich will es in meinen Garten pflanzen. Nur eines davon, so will ich meines Weges gehen."

"Gar nichts will ich dir geben", sprach die Habsucht und verbarg die Hand in den Falten des Gewandes.

Und der Tod lachte und nahm eine Schale, tauchte sie in einen Wassertümpel: Und aus der Schale stieg das Wechselfieber auf. Es lief durch die große Menschenmenge und ihrer ein Drittel lag tot. Ein kalter Nebel folgte ihm und die Wasserschlange lief ihm zu seiten.

Und da die Habsucht sah, dass ein Dritteil der Menge tot war, schlug sie sich die Brust und heulte. Sie schlug ihre trockenen Brüste und schrie laut:

"Du hast ein Drittel meiner Knechte gemordet," schrie sie, "heb dich von hinnen! In den Bergen der Tartarei wütet der Krieg und die Könige beider Parteien rufen dich. Die Afghanen haben die schwarzen Ochsen gefällt und ziehen in die Schlacht. Sie haben mit ihren Speeren dröhnend auf die Schilde geschlagen und ihre Eisenhelme aufgestülpt. Was ist dir mein Tal, daß du daselbst verweilen solltest? Hebe dich von hinnen und kehre nicht wieder zurück!"

"Nicht doch," entgegnete der Tod, "ich gehe nicht, du gäbest mir denn eines deiner Getreidekörner." Aber die Habsucht schüttelte den Kopf und knirschte mit den Zähnen. "Nichts will ich dir geben", murmelte sie.

Und der Tod lachte und nahm einen schwarzen Stein vom Boden auf und schleuderte ihn in den Wald, und aus dem Dickicht wilden Schierlings kam die Tollwut in einem Flammenkleide. Sie glitt durch die Menschenmenge und berührte sie, und jedermann, den sie berührte, starb. Das Gras vertrocknete unter ihren Füßen, wo sie glitt.

Und die Habsucht erschauerte und streute Asche auf ihr Haupt. "Du bist grausam," rief sie, "du bist grausam. In den mauergegürteten Städten Indiens herrscht Hungersnot und die Zisternen von Samarkand sind versiegt, Hungersnot herrscht in den mauergegürteten Städten Ägyptens und die Heuschrecken sind aus der Wüste gekommen. Der Nil hat seine Ufer nicht befruchtet und die Priester haben Isis und Osiris geflucht. Hebe dich fort von hinnen zu jenen, die nach dir dürsten, und laß mir meine Knechte."

"Nicht doch," entgegnete der Tod, "ich will nicht gehen, du habest mir denn ein Getreidekorn gegeben."

"Nichts will ich dir geben," entgegnete die Habsucht.

Und wieder lachte der Tod und pfiff durch die Finger und ein Weib kam durch die Lüfte geflogen. "Pest" stand auf ihrer Stirn geschrieben und eine Schar fleischloser Geier umkreiste sie. Sie deckten das Tal mit ihren Schwingen, und kein Sterblicher blieb am Leben.

Und die Habsucht floh schreiend durch den Wald. Der Tod aber sprang auf sein rotes Roß und sprengte davon. Sein Ritt war schneller denn der Wind.

Und aus dem Schlamm im Kessel des Tales krochen Drachen und fürchterliche schuppige Tiere, und Schakale kamen über den Sand gelaufen und witterten mit gierigen Nüstern umher.

Und der junge König schluchzte und sprach: "Wer waren jene Männer und wonach suchten sie?"

"Sie suchten nach Rubinen für eines Königs Krone," antwortete einer, der hinter ihm stand. Und der junge König erschrak und wandte sich um. Da sah er einen Mann, der wie ein Pilger gekleidet war und einen Silberspiegel in Händen trug.

Und er erbleichte und sprach: "Blick' in diesen Spiegel und du wirst ihn sehn."

Und er blickte in den Spiegel und sah sein eigen Angesicht. Da schrie er laut auf und erwachte. Das helle Sonnenlicht strömte in das Gemach. Und auf den Bäumen im Garten und über den Luftwinkeln sangen die Vögel.

*

Und der Kämmerer und die Würdenträger des Staates traten ein und huldigten ihm. Und die Pagen brachten ihm das Gewand aus Goldgewebe und legten Krone und Zepter vor ihn hin.

Und der junge König blickte ihn an. "Ist dem wirklich so?" frug er. "Werden sie mich nicht als ihren König erkennen, solange ich eines Königs Kleid nicht trage?"

"Sie werden dich nicht erkennen, o Herr!" rief der Kanzler.

"Ich wähnte, es habe Männer gegeben, die wie Könige blickten," entgegnete er. "Doch vielleicht ist es, wie du sprichst. Aber dennoch will ich dies Gewand nicht tragen, noch mag ich mich mit dieser Krone krönen lassen. Nein, just allwie ich einzog in das Schloß, will ich aus im hervorgehn wiederum."

Und er hieß sie alle ihn verlassen, einen Pagen ausgenommen, den er wie sein Genoß hielt, einen Knaben, der ein Jahr jünger als er selbst. Ihn behielt er zu seiner Bedienung bei sich. Und als er sich im klaren Wasser gebadet hatte, öffnete er eine große bemalte Truhe und nahm daraus das Lederwams und den groben Schaffellmantel, die er getragen hatte, da er am Hügelhange die zottigen Ziegen des Hirten hütete. Die legte er an, und in die Hand nahm er den kunstlosen Hirtenstab.

Und der kleine Page öffnete die großen blauen Augen weit, des Staunens voll, und sprach lächelnd zu ihm: "Herr und Gebieter, wohl sehe ich dein Gewand und auch dein Zepter, wo aber ist deine Krone?"

Und der junge König pflückte einen Zweig wilder Rosen, die den Altan umschlangen und bog ihn sich zum Reif und drückte ihn sich aufs Haupt.

"Dies soll meine Krone sein," entgegnete er. Und also angetan trat er aus seinen Gemächern in die offene Halle herfür, allwo die Edelleute seiner harrten.

Und die Edelleute spotteten und etliche riefen ihm zu: "Herr, das Volk harrt eines Königs, und du sendest ihm einen Bettelmann." Und andere waren voller Entrüstung und sprachen: "Er bringt Schande über unser Land, und er ist nicht würdig unser Herr zu sein." Er aber erwiderte nicht ein einziges Wort, sondern schritt an ihnen vorbei und schritt die helle Treppe aus Porphyr hinab und hinaus durch die erznen Tore und bestieg sein Pferd und sprengte dem Dome zu, dieweil der kleine Page ihm zur Seite lief. Und das Volk lachte und schrie: "Da reitet der Narr des Königs vorbei!" und sie verhöhnten ihn.

Und er zog die Zügel an und sprach: "Nicht doch, ich bin es, euer König!" und er erzählte ihnen seine drei Träume.

Ein Mann aber trat aus der Menge und sprach voll Bitterkeit und sagte: "Herr, weißt du nicht, daß das Leben des Armen aus dem ‹berflusse des Reichen strömt? Euer Prunk nährt uns, und eure Laster geben uns Brot. Für den harten Herrn zu frönen, ist bitter; noch bitterer aber ist es, keinen Herrn zu haben, für den man frönen darf. Meinst du etwa, daß uns die Raben speisen werden? Und welche Hilfe willst du in diese Dinge bringen? Willst du dem Käufer gebieten: ,Du sollst für so und so viel kaufen,' und dem Verkäufer: ,Du sollst zu diesem Preis verkaufen?' Ich meine, nein. Drum kehre heim in dein Schloß und kleide dich wieder in Purpur und feines Linnen. Was hast du mit uns, die wir leiden, zu schaffen?"

"Sind nicht die Reichen und die Armen Brüder?" frug der junge König.

"Seit jeher sind sie Brüder," entgegnete der Mann. "Und der Name des reichen Bruders ist Kain."

Da füllten sich die Augen des jungen Königs mit Tränen und er ritt vorwärts, vom Murren des Volkes begleitet. Und den kleinen Pagen ergriff Angst und er verließ ihn.

*

Und da er an die breite Türe des Domes kam, streckten die Kriegsleute die Hellebarden vor und sprachen: "Was suchst du hier? Keiner tritt durch diese Tür ein, es sei denn der König." Und sein Angesicht rötete sich vor Zorn und er sprach zu ihnen: "Ich bin der König," und stieß die Hellebarden zur Seite und schritt hinein.

Und wie ihn der alte Bischof in seinem Hirtenkleide kommen sah, erhob er sich verwundert von seinem Throne, schritt ihm entgegen und sprach zu ihm: "Mein Sohn, ist dies eines Königs Gewandung? Wo ist die Krone mit der ich dich krönen, und das Zepter, das ich in deine Hände drücken soll? Wahrlich, dieser

Tag sollte für dich ein Tag der Freude und nicht ein Tag der Erniedrigung sein."

"Soll sich die Freude in das Gespinst des Leides kleiden? Frug der junge König. Und er erzählte ihm seine drei Träume.

Und da der Bischof sie vernommen, furchte er die Brauen und sprach: "Mein Sohn, ich bin ein alter Mann und stehe im Winter meiner Tage und ich weiß, daß in der weiten Welt viel üble Dinge geschehen. Die wilden Räuber steigen von den Bergen nieder und tragen die Kindlein davon und verkaufen sie den Mauren. Die Löwen liegen und spähen nach den Karawanen und stürzen sich auf die Kamele. Die wilden Eber entwurzeln das Korn im Tale und die Füchse benagen den Wein auf den Hügeln. Die Seeräuber verwüsten die Küsten und verbrennen dem Fischer die Schiffe und rauben ihm die Netze. In den salzigen Sümpfen leben die Aussätzigen; ihre Häuser sind aus geflochtenem Rohr und keiner darf ihnen nahen. Die Bettler schleichen durch die Stadt und würgen ihr Brot mit den Hunden. Kannst du all dies denn ungeschehen machen? Willst du den Aussätzigen zu deinem Bettgenoß erwählen und den Bettler an deine Tafel setzen? Soll der Löwe tun, wie du gebeutst, und sollen die wilden Eber dir gehorchen? Ist er, der das Elend schuf, nicht weiser als du? Darum rühme dich nicht um dessentwillen, was du getan hast. Nein, ich befehle dir, in das Schloß zurückzureiten und Freude über dein Angesicht zu breiten und deinen Leib mit der Gewandung, die einem König ziemt, zu kleiden. Und mit der güldenen Krone will ich dich krönen und das Perlenzepter will ich dir in die Hände legen. Deiner Träume aber gedenk nicht mehr. Die Not dieser Welt ist zu groß, als daß ein Mann sie tragen könnte, und der Kummer der Welt ist zu schwer, als daß ein Herz ihn leide."

"Sprichst du so in diesem Hause?" frug der junge König und er schritt am Bischofe vorbei und schritt die Stufen des Altars hinan und stand vor dem Bilde Christ.

Er stand vor dem Bilde Christ und zu seiner rechten Hand und auch zu seiner linken Hand waren die herrlichen Goldgefäße, die Kelche voll gelben Weines und die Phiolen mit dem heiligen ÷le. Er kniete nieder vor dem Bilde Christi und die hohen Kerzen brannten hell vor dem juwelenbesetzten Schreine und die Wolken des Weihrauches ringelten sich in schmalen blauen Kränzen durch den Dom. Er neigte das Haupt im Gebete und die Priester in ihren steifen Goldgewändern schlichen vom Altare fort.

Und plötzlich ertönte ein wildes Lärmen von der Straße her, und herein stürzten die Edelleute mit gezückten Schwertern und wehendem Federschmuck und Schilden aus blankem Stahl. "Wo ist dieser Träume-Träumer?" riefen sie. "Wo ist dieser König, der wie ein Bettelmann einhergeht? Dieser Knabe, der Schmach über unser Land bringt? Wir wollen ihn töten. Denn wahrlich, er ist nicht würdig über uns zu herrschen."

Und wieder beugte der König das Haupt und betete. Und da er sein Gebet beendet, stand er auf und wandte sich und blickte sie traurig an. Und siehe! Durch die gemalten Fenster strömte das Sonnenlicht auf ihn herab und die

Sonnenstrahlen wanden um ihn ein Prunkgewebe, weit herrlicher als das Gewand, das seiner Lust gefertigt ward, und der tote Stab erblühte und trug Lilien, die weißer denn Perlen waren. Der trockene Dorn erblühte und trug Rosen, die röter waren denn Rubine. Weißer denn edle Perlen waren die Lilien, und ihre Stiele waren von lichtem Silber. Röter als Blutrubinen waren die Rosen, und ihre Blätter waren aus getriebenem Golde. Er stand da in eines Königs Gewand und es war, als erfüllte Gottes Herrlichkeit den Raum. Und die Heiligen schienen sich in den geschnitzten Nischen zu bewegen. Im Prunkgewande eines Königs stand er vor ihnen, und der Orgel entströmten Melodien, und die Sängerknaben sangen.

Das Volk aber sank vor Scheu in die Knie, und die Edelleute bargen die Schwerter und huldigten ihm. Und das Angesicht des Bischofs wurde bleich und seine Hand erzitterte: "Ein Größerer als ich hat dich gekrönt!" rief er und er kniete vor ihm nieder.

Und der junge König stieg die Stufen des Hochaltars herab und schritt heimwärts, mitten durch die Menge. Kein Sterblicher aber wagte, ihm ins Angesicht zu schauen, denn es glich dem Angesicht eines Engels.